Frauenfelder Woche

Frauenfeld · 16.07.2020

Wenn Janka und Niederreiter leiden müssen

In der intensiven Vorbereitungszeit auf ihre Saison tanzen der Skirennfahrer Carlo Janka und der Eishockeyprofi Nino Niederreiter nach der Pfeife von Konditionstrainer Michael Bont. Und der gilt als harter Hund.

 

 

Das Meeting des Panathlon Club Thurgau im Kongresszentrum Thurgauerhof in Weinfelden versprach einen Einblick ins Leben von zwei erfolgreichen Profisportlern. Referent Michael Bont wuchs in einer sportverrückten Familie in Arbon auf und wurde jung Schweizer BMX-Meister, lernte Zimmermann und liess sich später zum Sportlehrer ausbilden. Er wurde Slalomtrainer bei Swiss Ski, formte die Finnin Tanja Poutiainen zur Weltklasse und war ab 2008 für zehn Jahre Experte beim Schweizer Fernsehen an Frauen-Skirennen.
Der 46-jährige Bont (Bild) lebt bereits seit 28 Jahren im Bündnerland und betreut Carlo Janka und Nino Niederreiter. Auf der einen Seite den ruhigen «Iceman» aus Obersaxen und daneben den lautstarken Churer Grossverdiener in der National Hockey League. Beides sind gute Freunde geworden, obwohl sie unter ihm kräftig leiden müssen.

Janka mit Rückenproblemen
Bont hat mit Janka einige Hochs und Tiefs erlebt. Etwa 2017/18, als dieser verletzungsbedingt die ganze Saison auslassen musste. Eines stellt Bont sofort klar: «Wenn sich die beiden Athleten in der Vorbereitung von ihrem Verband lösen, müssen sie das aus ihrer eigenen Tasche bezahlen». Besonders bei Janka (Bild) muss der Thurgauer bei Krafteinheiten besonders vorsichtig agieren: «Natürlich biete ich leistungsorientiertes Training physisch und psychisch an. Der Weg zurück zum Erfolg ist hart, wenn einer aus einer Verletzung zurückkommt. Darum muss ich mich als Konditionstrainer auf das Wesentliche konzentrieren. Du machst einen Spitzensportler nicht in einer Woche stark, aber du kannst ihn in nur einer Woche kaputt machen».
Wenn Janka wieder einmal der Rücken heftig zwickt, fragt sich Bont ernsthaft, was habe ich in der Vorbereitung falsch gemacht? Fügt aber an: «Der heute 33-Jährige wurde in Vancouver Olympiasieger im Riesenslalom, war in der gleichen Disziplin Weltmeister in Val d`Isere und holte dort auch Bronze in der Abfahrt und den Weltcup-Gesamtsieg. Unter seinen 11 Weltcuperfolgen figuriert jener in der Abfahrt am Lauberhorn». Entscheidend ist für Bont zudem, dass nach Höchstleistungen die Erholung nicht zu kurz kommt. Natürlich auch während den zahlreichen pickelharten Trainings.

Fünf Millionen Dollar
Mit NHL-Star Nino Niederreiter pflegt Michael Bont einen engen Kontakt und besucht ihn mindestens dreimal pro Saison in Nordamerika. Er muss schmunzeln, als er erwähnt: «Im Sommer arbeite ich mit sehr unkonventionellen Massnahmen in der Rheinschlucht. Nini sprintet um Felsblöcke und muss Steine herumwerfen, bis zur totalen Erschöpfung. Das alles verlange ich von einem Mann, der in einer Saison über 80 Spiele absolviert und mehr als fünf Millionen Dollar verdient». Die Kraftausdrücke, welche Niederreiter im Video seinem unbarmherzigen Schleifer zuruft, sind nicht abdruckreif. Sekunden später fallen sie sich in die Arme.
Ein Aspekt ist für Bont entscheidend: «Den Karriere-, Jahres- und Wochenplan kreieren wir als Team, aber über die Trainings-Einheiten entscheide nur ich. Trotz aller Härte darf ich nie der Kontrollfreak sein. Die Athleten brauchen Freiheiten». In Übersee nennen sie den bärenstarken Flügelstürmer Niederreiter nur El Nino. Mit 95 Kilogramm und einer Körpergrösse von 188 Zentimeter hat der Ex-Davoser einiges an Wasserverdrängung zu bieten. Am 28. September wird er 28 Jahre alt.

Jüngster Islanders-Torschütze
Seit 10 Jahren zeigt Niederreiter sein beachtliches Können auf dem Eis in Nordamerika. Zuerst bei den New York Islanders, wo er in die Annalen einging. Mit 18 Jahren und 35 Tagen wurde er zum jüngsten Islanders-Torschützen aller Zeiten. Über Minnesota Wild kam er im Januar 2019 zu den Carolina Hurricans und hofft, dass nach der Corona-Pause die Playoffs nun am 1. August beginnen. El Nino (Bild) war massgeblich daran beteiligt, dass die Schweiz an der Weltmeisterschaft 2013 und 2018 die Silbermedaille ergatterte.
Als Fazit zu Janka und Niederreiter meinte Bont abschliessend: «Janka ist stets enorm ruhig, Niederreiter dagegen immer laut. Mit beiden habe ich schon viele wunderschöne Stunden erlebt».


Ruedi Stettler