Frauenfelder Woche

Frauenfeld · 29.05.2024

Museumsführung auf vier Rädern im Zeichen der Inklusion

Unterwegs in der Kartause Ittingen

Am vergangenen Samstagmittag öffneten das Kunstmuseum Thurgau und das Ittinger Museum ihre Türen für eine Führung der besonderen Art. Diese sprach sowohl Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer als auch Gäste zu Fuss gleichermassen an. Unter der Leitung von Museumsdirektor Peter Stohler, welcher selbst seit zwei Jahren an den Rollstuhl gebunden ist, erhielten die Besuchenden wertvolle Einblicke in die Welt der Kunst aus einer neuen Perspektive.

 

 

Peter Stohler zeigte sich begeistert von der regen Teilnahme und dem grossen Interesse der zahlreich erschienenen Gäste. Dies sei seine erste Führung im Rollstuhl, erklärte er seinem Publikum und wies auf die Bedeutung, ebenso auf die Herausforderungen einer Museumserfahrung auf vier Rädern, hin. Der Rundgang wurde durch Rampen und Aufzüge für Teilnehmende mit einer Gehbeeinträchtigung befahrbar gemacht. Der Direktor bedankte sich bei den Betroffenen für ihre Bereitschaft, der Darbietung auch unter den aktuellen Bedingungen beizuwohnen. Er betonte, dass die Kartause Ittingen im Rahmen des bevorstehenden Sanierungs- und Erweiterungsbaus nach würdigeren Lösungen suche, als dies derzeitig die Holzrampen und Warenlifte darstellen würden, und er sich persönlich um die notwendigen Massnahmen kümmere. Dabei bat er um die aktive Mitwirkung, indem sich die Bevölkerung zu ihren Wünschen betreffend Barrierefreiheit äussern solle. 


 


Die Kirche der Kartause Ittingen


Das einstündige Ereignis begann mit einem Highlight der Kartause Ittingen, der erhabenen Kirche aus dem 15. Jahrhundert. Stohler schwärmte von den kunstvollen Räumlichkeiten, die durch die aussergewöhnlichen Lichtstimmungen des Tageslichts noch beeindruckender wirken. Früher im Privatbesitz gehört die Kirche seit 1977 zur Stiftung Kartause Ittingen und bildet gemeinsam mit der gesamten Anlage ein anerkanntes nationales Kulturerbe. «Wir sind dankbar, dass die letzten Jahrhunderte hindurch alles erhalten werden konnte», führte Stohler seine Erzählungen fort.


 


Präsentation der Gewölbekeller


Weiter folgte die Exposition des grossen Gewölbekellers, der ursprünglich für die Weinlagerung genutzt wurde und aktuell die historische Ausstellung «1524 – Stürmische Zeiten» beherbergt. «Kunst und Geschichte kommen sich in unseren Gewölbekellern sehr nahe», meinte der Direktor. 


Im zweiten Ausstellungskeller, welcher derzeit die brillanten Schöpfungen der Thurgauer Künstlerin Olga Titus ausstellt, beeindrucken die ursprünglichen Gemäuer, die bei der geplanten Sanierung wieder stärker in den Vordergrund rücken sollen.


 


Outsider-Künstler Hans Krüsi


Die informative Führung endete in den Ausstellungsräumlichkeiten des imposanten Outsider-Künstlers Hans Krüsi. «Die Faszination seiner Werke liegt im Bildreiz, aus Simplem gestaltet», erläuterte die zuständige Kuratorin Geraldine Wullschleger. Sie hob hervor, dass Krüsis Virtuosität sein hart durchkämpftes Leben widerspiegle und er stets mit den Materialien arbeitete, die ihm gerade zur Verfügung standen. 


Gemäss Peter Stohler stammen rund die Hälfte der 30 000 Ausstellungsstücke der Kartause Ittingen von Outsider-Künstlern.


 


Herausforderungen & Perspektiven


Die Veranstaltung fand im Zuge der Aktionstage von «Zukunft Inklusion Thurgau» statt und war kostenfrei zugänglich. 


Der Rundgang bot nicht nur faszinierende Blickwinkel, sondern setzte auch ein wichtiges Zeichen für die Integration und Barrierefreiheit in kulturellen Einrichtungen. Die zahlreichen Räume der beiden Museen auf mehreren Etagen, deren Erreichbarkeit mittels eines Rollstuhls sehr zeitintensiv ist, verdeutlichten die Notwendigkeit einer baulichen Optimierung der Kartause Ittingen und das damit verbundene Bewusstsein für die Wichtigkeit der Inklusion.


Das Evenement entfaltete ebenso eindrucksvoll, wie Kunst und Kultur Menschen verbinden und wie Barrieren, ob physisch oder sozial, überwunden werden können.


Sarah Utzinger