Frauenfelder Woche

Frauenfeld · 15.04.2026

«Flusshuus» in Frauenfeld: erst Kunstgalerie, dann Wohnraum

Das Haus von Haru Vetsch, das «Flusshuus» in der Mühlewiesenstrasse 32, verwandelt sich am kommenden Wochenende in eine Pop-up-Galerie. Dem einen oder anderen wird es bereits aufgefallen sein: das rote Haus mit der buntbemalten Fassade direkt an der Murg. Am Montagnachmittag sind die Handwerker noch zugange, am kommenden Samstag, 18. April, wird Haru Vetsch die Ausstellung des Neo-Pop-Art-Künstlers Andi Luzi eröffnen. Ein weiteres Ausstellungswochenende steht an, bevor die Wohnungen bezogen werden.

 

 

Haru Vetsch lebt seit 20 Jahren in Frauenfeld und ist hier als evangelischer Pfarrer tätig. Mit über 60 Jahren und einer Scheidung hinter sich stellte er sich die Frage nach einer neuen Aufgabe. Schon länger habe er die Vision eines grösseren Projektes gehegt, erzählt er im Mediengespräch bei der Besichtigung der Räume. Das ursprünglich zweigeschossige Haus wurde um vier Geschosse erweitert. Auch wurde das Gebäude mit einem nachhaltigen Energiesystem ausgestattet, etwa mit einer PV-Anlage.


Heilige Kuh und Friedlinge
Das Wandbild der Fassade gestaltete Andi Luzi nach Auftrag. «Gaucho», so der Titel des Bildes. «Meine Mutter stammt aus Chile», erklärt Haru Vetsch. «Und ich empfinde mich selbst ein wenig als Gaucho.»
Im Vorgarten sticht ein weiteres Kunstwerk ins Auge: die grosse, bemalte Kuh-Skulptur «Muhlinda». Sie ist weit mehr als ein Tiermotiv. Muhlinda trägt einen Heiligenschein, einerseits eine Referenz an die heiligen Kühe im Hinduismus, andererseits eine kritische Anspielung auf die «heiligen Kühe» in der Schweiz. Die Identifikation mit der Schweiz wird augenzwinkernd durch das Euter verdeutlicht, das als typisch rote Milchtasse mit weissen Punkten gestaltet ist. Auf dem Körper der Kuh ist Jesus’ Doppelgebot der Liebe visualisiert: Auf einer Seite hält eine Hand von oben eine Hand von unten, das Symbol für die vertikale Verbindung zu Gott. Auf der anderen Seite halten sich zwei Hände horizontal. Haru Vetsch berichtet, dass Spaziergänger stehen bleiben, um die Kuh zu fotografieren oder Kinder diese streicheln. Daneben steht ein «Friedling» des Künstlers, ein Mensch, der die Arme ausbreitet. Ein weiterer «Friedling» befindet sich auf der anderen Seite des Hauses.
«Ich habe 40 Kunstgegenstände von Andi Luzi gesammelt», sagt Haru Vetsch. Nun werde er sich verkleinern und mit seiner Partnerin Verena Kaspar von acht auf sechseinhalb Zimmer gehen. Aus diesem Grund die Ausstellung: Die Bilder können erworben werden. «Meine drei Kinder müssen auch Bilder nehmen», sagt er schmunzelnd. Ihm sei der Ort, an den die Bilder kommen, wichtiger als der Preis.


Andi Luzi: Neo-Pop-Art
Die Werke von Andi Luzi sind visuelle «Gute-Laune-Signale». Mit kräftigen Konturen, leuchtenden Farben und Symbolen wie Herzen, Sonnen und «Friedlingen» schafft er eine Kunst, die unmittelbar Freude bereitet und optimistisch stimmt. Es ist Neo-Pop-Art, die grafische Klarheit mit emotionaler Tiefe verbindet. Nachdem die Bilder hoffentlich ein neues Zuhause gefunden haben, ziehen die neuen Bewohner ins «Flusshuus» ein: In den unteren Etagen, einer zweigeschossigen Maisonette-Wohnung, werden sechs junge Erwachsene aus dem Stift Höfli in einer betreuten Wohngemeinschaft leben. In der Mitte wird Haru Vetsch mit seiner Partnerin Verena Kaspar wohnen. Ganz oben wird vermietet. «Nachdem ich erleben musste, wie schwierig die Wohnungssuche für meine 85-jährige Mutter war, ist mir die Vermietung an Senioren ein grosses Anliegen», sagt er. Auch die rollstuhlgerechten Zugänge seien ihm wichtig gewesen. Sein Vater konnte seine Terrassenwohnung im Alter wegen einer sieben Zentimeter hohen Stufe nicht mehr verlassen.


Seine Motivation
Leute, die pensioniert sind und alleine in Einfamilienhäusern leben, zügelten nicht mehr so häufig, erzählt er. Ihm sei es ein Anliegen gewesen, dass das Haus generationenübergreifendes und inklusives Wohnen bietet. So entsteht ein buntes Miteinander unter einem Dach, so bunt wie das Wandbild an der Fassade.
Sein Appell: «Wir dürfen nicht warten, bis der Staat alle sozialen Probleme löst. Jeder einzelne kann etwas beitragen.» Privates Engagement im Kleinen könne grosse Wellen schlagen.
An der Fassade prangt ein Zitat von Niklaus von Flüe aus dem Jahr 1482: «Ein Gutes bringt das andere.» Ursprünglich sei dies ein Rat gewesen zur Einigung zwischen Konstanzern und den Eidgenossen. Vetsch fand dies passend, weil es zeige, dass man nicht alle Probleme auf einmal lösen müsse. Ein Schritt ergebe oft den nächsten: «Ich habe das selbst mit diesem Projekt erfahren. Eine Kollegin kannte einen Architekten, die Bank gab mir trotz meines Alters eine Hypothek. Viele Freunde trugen die Vision mit.» Der Schriftzug auf der Fassade ist seine eigene Handschrift, kein Marketing, sondern ein persönliches Bekenntnis.


Die Vernissage findet statt am Samstag, 18. April, um 17 Uhr. Die Ausstellung ist von 14 bis 21 Uhr zu besichtigen. Weitere Termine: Sonntag, 19. April, 14 bis 17 Uhr. Samstag, 25. April, 14 bis 21 Uhr. Finnissage: Sonntag, 26. April, 14 bis 17 Uhr, Führung mit Haru Vetsch umd 16 Uhr. Die Werke von Andi Luzi können erworben werden, so wie Kunstkarten. Adresse: Mühlewiesenstrasse 32, Frauenfeld.


Text und Bild: Elke Reinauer