Frauenfelder Woche

Frauenfeld · 08.07.2026

Der Weg unseres Abfalls: vom Untergrund bis in die Glut

Ein Tag mit ... 4000 Tonnen Abfall

In unserer Sommerserie «Ein Tag mit...» begleiten wir Berufe, die man selten von innen sieht. Diese Reportage folgt dem Müll, von Frauenfeld bis in die Kehrichtverwertungsanlage  Thurgau (KVA) in Weinfelden.
Aus den Augen, aus dem Sinn: Ich schmeisse meinen Müll in den KVA-Sack, stopfe, quetsche, damit er auch maximal ausgefüllt wird. Wenn er voll ist, kommt er in den Unterflurcontainer. Klappe zu und weg. So schnell geht das. Was in den Säcken alles drinsteckt, ahnt niemand, manchmal auch ein wenig Gold…

 

 

Meist wird das Müllauto nur kurz bemerkt, dann nämlich, wenn der Fahrer mit dem Kran den Unterflurcontainer aushebt und den Inhalt in sein Sammelfahrzeug schüttet. 182 Unterflurcontainer gibt es in der Stadt Frauenfeld. Kehrichtsäcke voller Spuren des Alltags kommen da zum 
Vorschein: leere Zahnpastatuben, aufgebrauchte Duschgels, Teebeutel, Windeln oder alte Lappen. Manche trennen ihren Abfall und werfen Plastik separat in den Kuh-Bag, der später recycelt wird. Andere stopfen alles in den Kehrichtsack. Laut der KVA Thurgau produziert in der Region Frauenfeld schätzungsweise jeder Einwohner 155 Kilo Abfall pro Jahr. Die Hugelshofer Recycling AG sammelt die restlichen Sacksammelstellen und 800 Liter Haushalt- und Kleingewerbecontainer. Die Firma TIT Imhof AG sammelt die Unterflurcontainer (vollelektrisch / CO2 neutral) in Frauenfeld ein und bringt diese zum Güterverlad bei der Zuckerfabrik. Von dort geht es weiter auf der Schiene, direkt zur KVA Thurgau in Weinfelden.


Extralieferung nach dem Open-Air
Am Entlad bei der KVA Thurgau übernimmt Marko Schmidt den Müll, zusammen mit seinem Team. Ein Lastwagen entlädt die Container, jeder gefüllt mit zehn Tonnen Abfall. Nach dem Frauenfelder Openair kommen jedes Jahr mehrere Sonderfahrten an, erklärt Schmidt, nicht per Bahn, sondern per Lastwagen.
Nicht nur aus der Region wird Abfall angeliefert, auch aus Deutschland, genauer dem Bodenseekreis und Kreis Konstanz. Die deutschen Nachbarn haben einen Entsorgungsvertrag mit der KVA Thurgau, weil Weinfelden näher liegt als Stuttgart. Fast wäre dieser Grenzverkehr zu Ende gegangen, doch die EU schuf kurz vor Inkrafttreten einer neuen Exportverordnung eine Ausnahme. Der Handel bleibt bestehen. Ausserdem muss jeder Lastwagen eine Schleuse passieren, die seinen Inhalt auf Radioaktivität prüft, denn im Abfall können sich radioaktive Stoffe befinden, erklärt Schmidt.


In der Kommandozentrale
Während Schmidt und sein Team Container entladen, sitzt im Gebäude der KVA Heizwerkführer Michael Kieber vor den Monitoren in der Kommandozentrale. Hier ist alles blitzblank sauber. Auch in der angrenzenden Personalküche findet sich kein einziger Krümel auf den Arbeitsflächen. Der pure Kontrast zum 4000 Tonnen fassenden Müllbunker nebenan. Wir treten hinaus auf einen Laufgang, der über dem Bunker hängt. Es riecht verfault und modrig. Wir blicken hinunter: Plastikbahnen, Säcke, Big Bags, ein Holzstück und eine Matratze hängen am Kran, wie ich beobachte. Matratzen gehören nicht in den Hausmüll. Diese wurde wahrscheinlich über das RAZ (Regionales Annahmezentrum) entsorgt.


Mischung brennt besser
«Für die optimale Verbrennung achten wir auf eine gute Durchmischung», erklärt Kieber. So werde unter anderem der deutsche Abfall, der feiner getrennt ist als der Müll in den Kehrichtsäcken, mit dem Schweizer Abfall vermischt, bevor er verbrannt wird. Allerdings wird beim Abtransport wieder getrennt: Die Deutschen bekommen auf eine Tonne Müll 200 Kilo ihrer Schlacke (das Restprodukt) zurück nach Deutschland geschickt, wo sie auf einer Deponie landet. Aus einer Tonne Müll entstehen 23 Prozent Schlacke, erläutert Kieber.
Nach dem Besuch am Müllbunker geht es durch eine Luftdusche zurück, die den Geruch wieder abnimmt. Wir stehen wieder in der Kommandozentrale.


Das Feuer geht nie aus
Die Kommandozentrale war laut Kieber seit 1996 keine Minute unbewacht. Zu dritt arbeiten sie in dieser Schicht: Kieber ist heute für den Ofen verantwortlich, Freddy Schoch für den Wäscher, Jürg Schlumpf für die Turbine. Am Bildschirm werden Werte überprüft oder manuell geändert und der Müllbunker überwacht. Begonnen hat Kiebers Schicht um vier Uhr morgens. Dazu kommen Spätschichten, Nachtschichten und zwölfstündige Wochenendschichten. Das Feuer im Ofen geht nie aus. Zwei Öfen gibt es, falls einer für eine Revision 18 Tage stillstehen muss.
Seit sechs Jahren ist Kieber hier tätig, gelernt hat er ursprünglich Konstruktionsschlosser und danach als selbstständiger Schlosser gearbeitet.


Vom Bein bis zum Schiff
Einiges haben Kieber und Schoch im Müllbunker schon gesehen: von einer ganzen Badewanne bis zum Betonklotz, sogar ein halbes Schiff war dabei. Freddy Schoch erinnert sich an einen besonderen Schrecken: «Ich sah, dass am Kran ein menschliches Bein hing», sagt er. Er liess den Kran stoppen und rannte zum Bunker. Was er fand: das Bein einer Schaufensterpuppe. Den Anblick werde er trotzdem nicht so schnell vergessen.
Bei der Vernichtung von Drogen durch Zollbeamte war Kieber schon öfter dabei. «Das wird meistens in Big Bags verbrannt. Der Zollbeamte steht dann daneben und schaut zu.» Damit niemand die Drogen wieder herausholen kann, lassen die Beamten zur Sicherheit noch einen Greifer Müll darüber schütten. Auch medizinische Abfälle landen im Ofen. «Einmal befand sich Jod im Spital-Abfall. Das sorgte dafür, dass lilafarbener Rauch aus dem Kamin stieg», erzählt Kieber und lacht. Zahlreiche Nachrichten von Freunden hatten ihn dann erreicht. «Alle fragten, ob ich Vater einer Tochter geworden bin», sagt er.


Auf dem Kontrollrundgang
Ich folge Kieber auf seinem täglichen Kontrollrundgang durch die Anlage ins Kesselhaus. Es ist laut hier drin, und heiss. Ein Zischen und Hämmern, dazu der Takt der Maschinen. Den Rundgang macht Kieber regelmässig, auch wenn längst alle Werte elektronisch erfasst werden. Ein Computerprogramm protokolliert jeden Messpunkt der Anlage. Trotzdem will er mit eigenen Augen sehen, ob irgendwo etwas auffällt.
Wir gehen am Ofen vorbei, dorthin, wo unten der Rost liegt. Kieber öffnet eine kleine Luke, und für einen Moment züngeln die Flammen direkt vor uns. 1100 Grad misst der Brandherd an dieser heissesten Stelle. Vier Rostzonen bewegen sich darunter wie Schubladen, die den Müll Stück für Stück weiterschieben und durchmischen, bis er vollständig verbrannt ist. «Von den wichtigen Armaturen und Komponenten besitzen wir immer zwei», sagt er. Es befinden sich zwei Verbrennungsöfen in der Anlage.
Im Kesselhaus öffnet Kieber eine weitere Tür: Blick ins Klopfwerk. Hier wird der Russ von den Rohrwänden geklopft. Die heissen Rauchgase strömen an diesen Rohrwänden vorbei, bringen das Wasser darin zum Verdampfen und treiben eine Turbine an, die Strom für rund 10 000 Haushalte erzeugt. Das Rauchgas wird in einem Wasserbad gereinigt, bevor es durch den Kamin zieht, mit Emissionswerten weit unter den gesetzlichen Grenzwerten.


Gold im Abfall
Kieber zeigt mir ein paar unbrennbare Dinge, eine Hantel, einen Topf, die als Ausstellungsgegenstände bereitstehen, wenn Schulklassen durch die KVA Thurgau geführt werden. Alles, was nach dem Verbrennen übrig bleibt, wird über ein Förderband in einem Wasserbad abgekühlt: So entsteht die Schlacke. Sie landet auf einer Deponie, wo Metall, Kupfer und sogar Gold herausgefiltert werden. Gold? «Ja, das Gold stammt zum Beispiel von Elektrogeräten», sagt Kieber. Wer unachtsam eine Fernbedienung in den Müllsack wirft: Sie enthält Gold, minimal zwar, aber das summiert sich. Laut Bundesamt für Umwelt (BAFU) werden schweizweit jährlich 300 Kilogramm Gold aus den Verbrennungsrückständen zurückgewonnen.
Gold hat Kieber selbst noch keins gefunden, dafür erzählt er von einem Kollegen, der Münzen aus der Schlacke sammelte, manche unkenntlich, andere fremdländisch. «Man kann schon so einiges finden in den Abfällen», sagt er. Bei der Schlacke und Asche wären wir auch wieder bei Schmidt am Entlad. Hier wird nicht nur Abfall entgegengenommen, sondern auch das Endprodukt auf die Reise geschickt, auf die Deponie. Und so schliesst sich der Kreis. Was bleibt, ist Schlacke, Asche und irgendwo darin ein bisschen Gold.


Text und Bild: Elke Reinauer